Über das Annehmen

Anne, Juni 2021

Ich stelle mir doch sehr häufig die Frage, warum ist das Mensch-Sein so schwierig? So leidvoll, so kompliziert? Warum sind wir so viel mit unserer Zufriedenheit beschäftigt? Warum fragen wir uns so häufig nach dem Sinn in unserem Leben? Warum plätschern wir im Mensch-Sein nicht einfach so dahin? Vielleicht ist es auch nur mein Problem, und ihr seht das ganz anders. Vermutlich würdet ihr diese Problematik aber nur etwas anders beschreiben, sicher auch aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachten. Fest steht doch, daß das Mensch-Sein einfach keine runde Sache ist. In gewisser Hinsicht ja, natürlich! — Du als Mensch bist durch und durch perfekt. Aus einer Verschmelzung von zwei Zellen hast du dich in deiner ganz einzigartigen Kraft in einen Mensch verwandelt. Bist gewachsen, prächtig gediehen. Mit braunen, blonden, roten oder schwarzen, lockigen oder graden Haaren. Groß oder klein, zierlich oder robuster, …
Worin liegt nun das Problem? Es ist ja alles da, oder?! — Habt ihr kein Problem mit eurem Dasein? Läuft es immer glatt und fröhlich? Schläfst du gut, hast du immer eine gute Energie? Bist du glücklich? Bist du durch und durch erfüllt und wartest nicht auf dies oder jenes? Auf das nächste Essen, die nächste Rauchpause, das nächste abendliche Bier, das neue Kleid, den nächsten Urlaub, …?
So viele Philosophen, Mystiker oder Weisheitslehren haben sich schon mit dem Mensch-Sein beschäftigt, und so hat jeder seine Ratschläge, um sich als Mensch aus den leidvollen Verkettungen, Anhaftungen oder Illusionen zu lösen. Die Buddhisten würden sagen: «Lerne loszulassen, so findest du dein Glück!» Sokrates würde sagen: «Erkenne dich selbst!» Jesus würde sagen: «Das Reich Gottes liegt in dir!» Die Sufis würden sagen: «Suche nicht vor deiner Tür, sondern in deinem Herzen.» Eckhart Tolle würde sagen: «Kannst du aus tiefstem Herzen zum gegenwärtigen Moment Ja sagen?» Katie Byron: «Ist dieser Gedanke, der deine Wirklichkeit formt, wahr? Bist du dir da absolut sicher?» Die Taoisten würden hinzufüge: «Wahre Meisterschaft kann man erreichen, wenn man den Dingen ihren Lauf lässt und sie gar nicht dabei stört.» Die Perspektive der Tantriker würde in etwa so lauten: «Sei mit allen Sinnen ganz wach, lass dein Herz erschauern und tritt so ein in Bairava — ins göttliche Sein!»
Hmm, ja, scheint also ganz einfach zu sein. Zumindest klingt es theoretisch immer ganz einfach. Was ist denn nun der Knackpunkt, an dem wir uns alle immer wieder so reiben? Ist es das Annehmen, vielleicht noch mehr als das Loslassen? Oder passiert dies eigentlich immer zeitgleich und es ist wieder nur eine Frage der Perspektive? Wie die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei? Es ist wohl dieser ganz winzige, kaum spürbare und dennoch ständige Prozess des Loslassens und Annehmens, welcher uns als Mensch innerlich befreien und erhellen kann.
Auf den Wellen surfen, mit der Kraft des Meeres, verbunden mit dem Wind. Stellt man sich da nur einen Moment lang in Frage, oder will man mehr, hat man Zweifel, oder doch keine Lust … ist das Surfen schon vorbei. Platsch!!! Oder? Es ist dieses Gefühl, welches ich meine, völlig widerstandslos mit der Kraft oder den Wellen des Taos mitzugehen. Ich meine dabei nicht nur die großen Dinge im Leben, sondern es geht viel mehr um die ganz vielen kleinen Fuzzi-Details in deinem Alltag. Sich bei all den kleinen Tätigkeiten, Anforderungen oder Beziehungen, Aktionen zu beobachten. Zu sehen und zu hören, wann und wie sich der kleine Widerstand zeigt. Wie du innerlich wartest, bis etwas endlich wieder vorbei ist, Wie du recht haben willst, nur du und niemand anderer sonst. Wie du alleine entscheiden willst, was richtig ist, wie nur du es wissen kannst. Wie du das Kribbeln des Heuschnupfens verändern möchtest, wie du das Gespräch der Leute im Schwimmbad neben dir missachtest, wie du dieses Geräusch oder jenen Lärm nicht hören willst. Wie du die Sonne nur an den Beinen und sonst nirgends haben willst, wie du es nun doch nicht so heiß haben möchtest. Wie du den Dreck der Tiere nicht täglich wegräumen möchtest. Wie in dir ein Verlangen nach Unterhaltung oder Schokolade brennt. Verlangen nach Urlaub oder Abwechslung, Verlangen nach Mehr … Ei, ei, ei, … ist es nicht so oder so ähnlich mit dem inneren Widerstand, mit dem ständigen Nicht-Hier-Sein-Wollen oder -Können? Ist es nicht so mit deinem Geist, der dir eigentlich ständig das Mensch-Sein vermiest? Der dich nicht so selbstverständlich blühen lässt, wie es derzeit all diese bezaubernden Rosen einfach können und tun? Will eine Rose mehr sein, denkt eine Rose, «diese weißen kleinen Rosen sind eigentlich viel schöner als ich, sie sind so zart, so lieblich … Also probier ich jetzt auch zarter und lieblicher zu werden.»? Stell dir vor, die Rosen wären so, … wären sie dann nicht kümmerlich anzusehen? Würden sie nicht ständig wie «neben sich stehen»?
Ja, leider — so nörglerisch und unzufrieden kommt mir doch oft unser Mensch-Sein vor. Wie ein «neben sich Stehen», vor sich oder hinter sich oder neben sich … bloß nicht in sich, verankert in seinem Herzen. Das sind die Ränke, die unser Geist ständig schmiedet, um bloß nicht den Moment so anzunehmen, wie er jetzt grad ist.
Sich im Annehmen üben ist für mich eine Mikro-Yoga-Praxis. Diese Praxis ist dir im Alltag immer zugänglich, du kannst quasi immer deine innere Matte auslegen, deinen Körper spüren, deinen Atem beobachten, deinen Gedanken zuschauen und zum gegenwärtigen Augenblick einfach aus ganzem Herzen; «JA» sagen!
So bietet auch mein Leben mir ständig und neue Übungsfelder, um mich im Loslassen und Annehmen zu üben :-) Kaum ist eine Übung etwas eingeübt (Corona) kommt schon die nächste: Der Mietvertrag des Yogastudio 15 am Marktplatz wird leider nicht mehr verlängert — und so wird die Atemwerkstatt ab September in wunderschöne neue Räumlichkeiten in Dornbirn, Steinebach 13 A, umziehen. Ich freue mich schon sehr!
Die Sommerpause steht auch vor der Tür, und so möchte ich mich nochmals bei euch allen für eure Treue und euer Dranbleiben trotz schwieriger Umstände bedanken!
Ich wünsche euch allen einen sehr schönen und erholsamen Sommer und freue mich auf ein Wiedersehen im Herbst!
Alles Liebe,
Anne