15. März 2020

Anne, März 2020

Es scheint mir eine wesentliche Maßnahme zu sein, dass wir nun alle unsere Sozialkontakte so weit als möglich einschränken. Auch wenn wir uns gesund fühlen, die Bedrohung nicht sichtbar ist und die sich immer mehr steigernden Maßnahmen der Regierung für uns auf den ersten Blick oft wenig verständlich erscheinen. Ja, die ganze derzeitige Situation hat einen bizarren und surrealen Charakter. Doch mit etwas genauerem Hinschauen (und einem Blick auf das Schicksal unserer südlichen Nachbarn, die uns in der Entwicklung 14 Tage voraus sind) wird klar, dass der Coronavirus unser Gesundheitssystem überfordern wird und ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen stark bedroht sind. Unsere Solidarität und unser Mitgefühl sind gefordert, und deshalb sehe ich es als sehr wichtig, alles in unserer Macht stehende zu tun, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.
Unsicherheit und existenzielle Ängste, finanzielle Sorgen und Zukunftsängste sind sicherlich für fast jeden von uns derzeit ein Thema. Gemeinsam Yoga zu praktizieren würde da sehr helfen, uns selbst und gegenseitig zu nähren und zuversichtlich zu bleiben. Gemeinsam zu praktizieren wäre ideal — energetische Räume zu schaffen, in denen man sich beschützt fühlt — doch nun sind wir alle gefordert, diese nährende Yoga-Praxis alleine fortzuführen.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen (wie ich häufig im Yin-Unterricht gesagt habe), und eine Lebenssituation ist da, die sich wie eine ewig dauernde Yin-Haltung anfühlt. Ja, da sind wir nun alle gemeinsam — in einer langen, sehr fordernden Yin Haltung. Jetzt ist die Zeit da, in der unser Leben zu unserer Yogapraxis wird. Es ist tatsächlich so wie in einer Yin Haltung — denk an den «Sattel» (supta virasana):
Wir sind in einer mühsamen, unangenehmen Situation — im Gegengsatz zur Yinpraxis unfreiwillig darin gefangen — hineingeworfen. Wir müssen warten und aushalten, denn die nächsten Monaten sind sehr ungewiss. Wir können nur durch unser Nicht-Handeln etwas tun, beitragen. Bewegungslosigkeit und Rückzug sind gefragt. Wir begegnen Angst, Ärger, Frust und Zorn, Hilflosigkeit und Panik und vielen anderen Emotionen. Wir sind in einer Situation voller Anspannung.
Jetzt ist die Arbeit an unserer inneren Haltung richtig gefordert. Jetzt geht es um das WIE — daran können wir arbeiten — das WAS können wir nicht ändern! Jetzt geht es um das Innehalten und Hinterfragen von unseren Werten. Jetzt ist der Zeitpunkt da, sich in Freundlichkeit und Mitgefühl zu üben. Sich Üben im Annehmen, was kommt, und Loslassen, was wir uns alles so für die nächsten Monaten vorgenommen oder geplant hatten. Jetzt ist es an der Zeit, präsent zu sein, sich um die Dinge zu kümmern, die direkt zu tun sind. Jetzt ist alles außer Kontrolle, Vertrauen und Zuversicht sind gefordert.
Jetzt ist die Zeit eines großen Wandels da, größer als wir uns je vorstellen konnten.
Möge dieser Wandel unser Mitgefühl und unsere Beziehungsfähigkeit stärken! Möge sich unsere Bewusstheit für die Natur und jedes Lebewesen vertiefen und unsere Dankbarkeit, unsere Demut und somit auch unser nachhaltiges Denken erweitern.
Ich merke, es gäbe noch so vieles zu sagen, …
Ich wünsche allen Gesundheit, Kraft und Zuversicht. Mögen wir gestärkt aus dieser schwierigen Zeit hervorgehen!
Ich halte euch auf dem Laufenden, wann die Kurse wieder starten.
Liebe Grüße, Anne