Friede — Freiheit — Freude — oder vielleicht doch nur Eierkuchen?

Anne, März 2021

Ich bin ohne religiöse Erziehung aufgewachsen. Religion war in meiner Familie ganz grundsätzlich eher verpönt — Religion wurde als unnütze Einschränkung gesehen, als ein antiquierter Machtblock, welcher mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Erst im Laufe meines Lebens habe ich die verschiedenen Aspekte des Begriffs Religion zu unterschieden gelernt. Habe verstanden, dass Religion und Christentum nicht deckungsgleich sind und dass die meisten Religionen in ihrem Kern sich sehr ähneln, nur anders verpackt sind. So habe ich auch verstanden, dass die Auslegungen von Religion ganz unterschiedlich sein können, und eine moralische Erziehung nicht zwingend eine Religion braucht. Was ist dann eigentlich Religion, was ist Religiösität und was ist Spiritualität? Was sind die Unterschiede? Wie legst du diese Begriffe für dich aus, wie weit fasst du diese Begriffe? Könnten wir ohne Religion leben? Wie wären unsere Städte ohne Kirchen? Wären wir dann ohne Spiritualität? Ohne Hingabe?
Spiritualität und Religion werden oft miteinander vermischt, werden oft verwechselt, und Spiritualität wird zur Religion degradiert. Alles kann zur einer Religion werden, und es passiert uns schneller als wir wollen. Vielleicht kann man Religion als eine tief menschliche Sehnsucht nach Ordnung, nach einem Halt, nach Kontrolle definieren?
Kann also Religiösität ganz grundsätzlich als Suche, als innere Ausrichtung nach Erlösung, nach Führung oder Heilung gesehen werden? Und was ist dann der Unterschied zur Spiritualität? Ich glaube Religion definiert sich immer im Außen, will sich zeigen und sich abgrenzen. Religion benennt einen Gott und lässt nur diesen einen Gott als gültig erscheinen. Religion ist dogmatisch. Spiritualität dagegen ist die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Geist, mit dem Denken, dem Fühlen und Sein. Das Verstehen des Lebens, des Wollens und Nicht-Wollens, der Gier und des Neids. Und das Verstehen von der Angst vor dem Tod. Das klingt schon wieder sehr moralisierend und stinkt eigenltlich nach Religion. Nach richtig und falsch, nach gutem oder schlechtem Mensch. Tja, das ist das Dilemma, dass auch Spiritualität zur Religion verkommen und dogmatisch werden kann. So wie alles zu Religion verkommen kann. Mit Religion grenzen wir uns ab und erheben uns über die anderen. So könnte Religion auch als Produkt unseres Geistes, gesehen werden, meistens moralisch sehr hübsch verpackt. Aber was steckt dahinter? Steckt nicht das ewig hungrige, neidische und ängstliche Ego dahinter? Auch hinter jedem Menschen, der ein spirituelles Leben führen möchte, steckt der tiefe Wunsch nach ständiger innerer Erhöhung seines Egos. Tja, unser Ego macht aus allem eine Religion, unser Ego sucht diese Identifikationen als ICH-Verstärker und -Erhöher.
So sind wir, so sind wir wohl alle.
Doch wo ist nun die Freiheit? Ist sie denn überhaupt zu finden?
«Selig sind die im Armen im Geiste!», sagt Jesus in der Bibel. Früher habe ich diesen Ausspruch immer mißverstanden, dachte immer es wird gemeint, Menschen die intellektuell verarmt sind, haben es leichter, weil sie die Welt nicht so verstehen. Dieser Gedanke stimmt vielleicht bis zu einem gewissen Grad, schauen wir unsere Tiere an, wie glücklich sie sind, weil sie sich nicht selbst erkennen können. Sie haben kein Ich, welches vergrößert und aufgeblasen werden muss. Sie haben kein Ich, welches vergleicht, welches ein Leben mit Corona oder ohne Corona oder vor Corona bewertet bzw. vergleicht.
Also versuchen wir doch unseren Geist zu verstehen, versuchen wir doch unseren Gedanken zuzuhören und die damit verbundenen Gefühle ernstzunehmen. Versuchen wir die Mechanismen unseres Egos kennenzulernen, und all die Verschleierungstaktiken zu durchschauen.
Selig bist du, wenn du aufhörst zu vergleichen, dann, wenn du aufhörst dich zu erinnern und wenn du aufhörst, deinen Idealen nachzulaufen, wenn du anfängst zu verstehen. Verstehen von Moment zu Moment, von Augenblick zu Augenblick. Das ist Freiheit!
Frei, friedlich und selig. Nur in diesem Moment fließt Liebe, Zufriedenheit und Dankbarkeit. Völlig frei von Religion — von deiner eigenen Religion:-)

Ergänzung zur letzten Mail, in den Worten von Krishnamurti, …
Aus J. Krishnamurti, «Die Flamme des Lernens»:
«Friede kann sich nur einstellen, wenn Liebe da ist. Wenn dein Frieden auf finanzieller oder anderweitiger Sicherheit, auf bestimmten Dogmen, Ritualen oder dem Wiederholen bestimmter Wörter beruht, ist weder Kreativität vorhanden noch der innere Drang, eine grundlegende Änderung in der Welt herbeizuführen. Ein solcher Frieden führt nur zur Selbstgefälligkeit und Resignation. Aber wenn du verstehst was Liebe und was Schönheit ist, wirst du einen schöpferischen Frieden finden, der die Verwirrung beendet und eine innere Ordnung in dir herstellt. Aber dieser Frieden kann nicht durch das Bemühen, ihn zu finden, erreicht werden.
Er stellt sich ein, wenn du unablässig beobachtest, wenn du achtsam bist, wenn du sowohl für das Hässliche als auch das Schöne, für das Gute und das Schlechte und alle Wendungen des Lebens sensibel bist. Frieden ist nichts Belangloses, vom Verstand Geschaffenes, sondern etwas ungeheuer Großes, unendlich Weites, etwas, das man nur verstehen kann, wenn das Herz überfließt.»