Das Glück liegt in der Ferne?

Anne, Mai 2021

Es ist einige Zeit her, da habe ich von «Oh, wie schön ist Panama» geschrieben. Auch heute nehme ich wieder Bezug auf eine Kindergeschichte von Janosch.
«Komm, wir finden einen Schatz!» Wer kennt diese Geschichte nicht? Der kleine Tiger und der kleine Bär machen sich auf die Suche nach «dem größten Glück der Erde». Auf dieser Schatzsuche lernen sie verschiedene Tiere kennen, eine Begegnung ist die mit dem Reiseesel Mallorca.
«… Auf der Straße trafen sie den Reiseesel Mallorca. «Na, wo soll’s denn hingehen, ihr zwei kleinen Tierchen?» «Wir suchen das größte Glück der Erde», sagte der kleine Tiger. «Oh, da habt ihr Glück!», sagte der Reiseesel Mallorca. «Denn das suche ich auch. Und ich weiß, wo es liegt. Es liegt in der Ferne. Da könnt ihr gleich mitkommen, ich bin nämlich auf den Weg dorthin.»
Der Esel trägt den kleinen Tiger und den kleinen Bär, gemeinsam reisen sie über das Meer.
«Als sie an Land gingen, nahm der Reiseesel Mallorca sofort wieder seine Koffer und reiste weiter. Denn die Ferne ist niemals dort, wo man sich befindet.»
Tja, ist das nicht genau unser aller Leid, dieser anhaltende Drang und Wunsch nach dem Glück und die damit verbundene Idee oder Vorstellung, wir könnten das Glück in der Ferne — also in der Zukunft — irgendwann finden? Jetzt nicht — aber sicher im nächsten oder übernächsten Moment.
Wenn wir einen Moment innehalten und uns selbst wahrnehmen und unserem Denken zuhören, dann erkennen wir sehr schnell unseren Drang nach dem Nächsten, unser Sehnsucht nach dem Erreichen einer bestimmten äußeren Form und die damit verbundene Illusion innerer Befriedigung. Wir häufen und reihen in unserem Leben ein Ding oder Ereignis nach dem anderen an und leben in einem fortwährenden Modus des «Ab-arbeitens». Unsere Gedanken sind genährt von Vergangenem, bewertet, analysiert und folglich auf eine bessere Zukunft ausgerichtet. Also gespeist von Erinnerungen und Bildern, eingeteilt in Gut und Schlecht. So entsteht — sehr vereinfacht gesagt — laufend ein Gefühl des Mangels, des nicht Erreichthabens, des Nicht-Ganz-Seins. Wenn wir also voll und ganz mit unseren Gedanken identifiziert sind und unser Selbstgefühl einzig durch diese Identifikationen existiert, leben wir ein Leben wie der Reiseesel Mallorca.
Auf der Suche nach Befriedigung, einer Befriedigung durch äußere Ereignisse, die in der Zukunft eintreten mögen. Sei es durch den neuen Haarschnitt, mit der Fastenkur, mit der neuen Jeanshose, mit dem Umzug ins neuen Haus, mit dem neuen Mann, mit dem vierten Kind, mit dem Babyhund, mit der Gesangsausbildung, mit dem Erklimmen aller Berge, mit der neuen Webseite, mit dem schönen Instagramposting, der nächsten Netflix Serie, … mit der weiteren Ausbildung oder nach dem 100. Wochenendworkshop . . So neigen wir dazu, jede Handlung eigentlich nur noch auf die Zukunft auszurichten, auch jede kleine Handlung wie Geschirrwaschen wird in unbewußter Haltung hinter sich gebracht, um endlich das Glücklich-Sein im Nächsten zu finden.
«I can‘t get no Satisfaction!» ist das Lied des Ego, schreibt Eckhart Tolle in seinem Buch «Eine neue Erde». Weil, wie der weise Reiseesel Mallorca sagt, die Ferne niemals dort ist, wo man sich befindet.
Was soll man also tun?
Vielleicht einfach weiter durchs Land traben und sich von Sehnsucht und Verlangen nach Befriedigung treiben lassen? Ja, warum nicht? Klingt ja alles sehr moralisierend und nach Unterdrückung… Nein, so soll es nicht sein! Es geht um die innere Befreiung, um eine Befreiung, die eine Bewusstwerdung der eigenen Gedanken, Erinnerungen, Glaubenssätze und Bilder ist.
Die «Ferne» ist also deine Stimme im Kopf, deine Innere Karotte vor deiner Nase. Die «Ferne» entfernt dich von dir selbst und lässt dich dich selbst nicht spüren. Umso mehr du dieses innerliche «Wegziehen» fühlst und wahrnimmst, umso mehr wird es weichen.
Es wird mehr Raum, Stille und vor allem Freude in dir entstehen, auch für alles was rundum dich ist…
«Horcht doch mal!»,sagte der glückliche Maulwurf. «Der Zaunkönig singt. Schön, was?» Und sie lauschten dem Gesang, die Sonne flimmerte über die Wiese. Die Bienen summten, und der Blumenkohl hatte so gut geschmeckt. Hmmm … oh, was war das für ein Glück. Echt wahr.
Üben wir uns im Lauschen nach innen, im Gewahr-Sein, im Ankommen im reinen «Ich-Bin», dem Urgrund unseres Seins, im Wahrnehmen unserer Lebendigkeit ohne jeglicher Identifikation. So dass wir dieses ICH-BIN in allen Zeiten unseres Lebens — auch wenn sich dieses gerade als problematisch zeigt — immer im Hintergrund fühlen können.
Sehr gerne lade ich dich zur morgendlichen Meditation im Mai ein.