Über das Denken

Anne, Oktober 2021

«Ich denke, also bin ich» so lautet das bekannte Zitat von René Descartes von 1637. Sehr oft kommt mir dieses Zitat in den Sinn, wenn ich uns Menschen beobachte. Wenn ich uns zusehe, wie wir gefangen in unseren Gedanken sind, und diese vollkommen überbewerten. Descartes meinte allerdings mit seiner Aussage, dass wir nur aufgrund des Denkens uns unserer Existenz bewusst sind. Denken wird dem Bewusstsein gleichgesetzt. Heißt das somit auch gleichzeitig, dass denken immer ein bewusster Akt ist? Welche Auswirkungen hat das Denken? Und noch interessanter die Fragen «woher kommt das Denken?», «was hält das Denken am Leben?» und «woher kommen die Gedanken?»

Produziert mein Gehirn Gedanken wie eine kleine Fabrik? Zu welchem Zweck? Zum Überleben? Ist es wirklich notwendig, so viel zu denken, um überleben zu können? Würde da nicht je 24h ca. 1h denken reichen?

Doch wer oder was wären wir ohne Denken? Wir wären wohl keine Menschen, sondern nur rein instinkt-gesteuerte Tiere*. Also Mensch-Sein und Denken gehören zusammen, der Mensch kann aufgrund seiner Denkfähigkeit sich seiner Selbst bewusst sein. Er kann sich selbst im Spiegel wieder erkennen. Das gefällt uns doch eigentlich schon :-)

Was passiert, wenn wir in den Spiegel schauen? Wir erkennen uns nicht nur, sondern wir fügen gleich etwas gedanklich hinzu: «Oh, wie müde schaue ich denn heute aus, die Falten auf der Stirn werden immer tiefer, mit dem hellrosa Lippenstift schaue ich viel hübscher aus etc.» — Ein Gedanke jagt den anderen. Ein inneres Zwiegespräch entsteht. Denken und Gedanken sind also nicht das Gleiche.

Könnte man Gedanken vielleicht als das Ergebnis von Denkprozessen sehen — vielleicht ja — und könnte man dann in weiterer Folge sagen, dass Anhäufungen von immer ähnlich bewerteten Gedanken zu Glaubenssätze werden? Die Denkmaschine hat also eine grundlegende Programmierung und zieht dieselben Rückschlüsse aus ähnlichen Umständen. Zum Beispiel: A+A = B, niemals A+A = C.

So in der Art wird es wohl mit uns sein, ziemlich simple Sache :-)
Aber nur so können wir uns innerlich orientieren und ein Ich bilden und uns dadurch von anderen abgrenzen. Wir wollen unser eigenes ICH, und daher formt unser Denkapparat oder unser Bewusstsein unsere Identität.

«Ich denke, also bin ich.» — Wer oder was entzündet diese Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Wahrnehmung? Ja, das sind wirklich interessante Fragen.

Doch widmen wir uns nur mal der Frage nach den Gedanken, was sind Gedanken und was für eine Macht haben sie über uns? Kann ich mein Denken und die Auswirkungen meiner Gedanken beobachten und erkennen? Kann ich mir meiner Gedankenflüsse bewusst werden? Und was habe ich davon?

Für mich entlarvt sich das Denken - meine Gedanken — zunehmend immer mehr als großes «Kasperletheater.» Als Komödie, Tragödie, Romanze, was auch immer. Es ist unglaublich hilfreich, sich seiner Gedanken und Glaubenssätze bewusst zu werden, sich nicht mehr als Teil der Maschine im Kopf wahrzunehmen, sondern dem ständigen Rattern und Dokumentieren zuzuschauen. Mit dem Denken und dem Bewusstsein ist es in etwa so:

Seit einem Monat nun darf ich mit meinen netten Kolleginnen in den neuen Räumllichkeiten im Steinebach unterrichten. So nach und nach zeigen sich die «wahren» Bedingungen (Lärm, Heizung, Umgebung, Luftzufuhr, Bodenbeschaffenheit, etc.).
Unser direkter Nachbar ist eine große Zahnarztpraxis, daher werden dort jeden Abend die Räumlichkeiten gereinigt. Oftmals hört man abends ein Quietschen, Gehen, Poltern, Rascheln, Schaben … es hört sich manchmal in etwa wie eine geschäftige Mäusefamilie in der Wand an. So höre ich, manchmal, wenn ich mich ablenken lasse, müde bin, wenig Präsenz habe, während die Schülerinnen in der Endentspannung regungslos dösend daliegen, den «Mäusen» in der Wand zu. Ich stelle mir die Frauen vor, was sie gerade putzen, wie sie den Stuhl und die Geräte desinfizieren, mit welchen Reinigungsmittel sie arbeiten, dass sie gelbe Handschuhe tragen, die Haare zusammengebunden haben…
Ich sehe, wie sie sich unterhalten, wie alt sie in etwa sind.
Ich frage mich, in welcher Sprache sie sich unterhalten, wie lange sie bereits in Vorarlberg sind, in welchen Umständen sie leben, wieviele Kinder sie wohl haben, ob sie fröhlich sind oder möglichst schnell alles erledigt haben wollen. Ich bin mit all meiner Aufmerksamkeit bei den «Mäusen» in der Wand. Nichts davon hat mit dem zu tun, was in Wirklichkeit vor mir ist. Nichts von meinen Gedanken hat auch mit den Reinigungskräften an sich zu tun. Nichts davon hat mit der «Wahrheit» an sich zu tun. Alle meine Gedanken sind tatsächlich nur Annahmen, Vorurteile — Fantasien. Wie komme ich auf die Idee, dass nur Frauen im Reinigungstrupp sind, dass sie Ausländerinnen sind … ganz egal.

Ich sitze in einem wohligen Raum, umgeben von verschiedenen Menschen, doch eigentlich bin ich nicht da — denn ich bin bei den «Mäusen». Die «Mäuse» sind in diesen wenigen Minuten meine scheinbar reale Welt. Ich bin nicht «Da» sondern nur «Dort», in der Wand, bei irgendwelchen Lebenswelten, die außer ein paar Lauten keine Verbindung zu meiner direkten Welt haben.

Diese Beschreibung von den Geräuschen in der Wand ist ein Bild für unsere meist unbewussten Gedanken und deren Auswirkungen. Sie sind meistens nicht so laut und drängen sich kaum in den Vordergrund, bleiben unter der Schwelle des Wahrnehmens. - Gut, wenn ich dann doch noch erkenne, dass ich verworren in irgendeiner Geschichte bin, und mein Hier und Jetzt ganz anders ausschaut, riecht und schmeckt, und ich direkt eigentlich vor ganz anderen Anforderungen stehe. Unsere unbewussten Gedanken sind wie die «Mäuse» in einer Wand, sie werden zu unserer Wirklichkeit, sie bekommen Farbe, Aussehen, Geschmack und werden zu einer realen Geschichte, die aber tatsächlich, in der realen Wirklichkeit, ganz anders ausschaut.

Ein Gefühl entsteht in mir, welches komplett von der eigentlichen Situation im Raum getrennt ist, also auf Unwirklichem basiert. Und dieses Gefühl hat wiederum Auswirkungen auf mein wirkliches Leben. Darauf, wie ich mit Menschen umgehe, und wie Menschen dann auf mein Sosein antworten. Ja, so ist es wohl, und jeder von euch könnte eine «Mäuse»-Fortsetzungsgeschichte schreiben. Leider ist es so die meiste Zeit in unserem Leben, nur sind wir uns unserer «Mäuse» im Kopf nicht bewusst, wir haben nicht gelernt, sie zu hören und sie wahrzunehmen. Und sie getrennt von dem zu betrachten, was wirklich ist, was uns tatsächlich umgibt, womit wir also real konfrontiert sind. Wir haben nicht gelernt, ihre Auswirkungen wahrzunehmen. Und allein schon dadurch, dass wir sie wahrnehmen, zu korrigieren. Allein das Erkennen, dass es sich nur um Geplapper des Geistes handelt, hilft, dass sich die kurzfristig sofort erzeugten Verspannungen lösen und nicht in unserem Leben als fehlgeleitete Gedanken, Schlussfolgerungen und Handlungen manifestieren.

Denn diese unwahren, unbewussten Gedanken formen unsere Wirklichkeit. Die nicht bewusstgemachte gedankliche Wirklichkeit kann unser Leben zur Qual machen. Jedem noch so kleinen, unwahren Gedanken folgt ein wirkliches Gefühl und eine tatsächliche körperliche Reaktion. Ein Zucken im Auge, ein Ziehen in der rechten Schulter, usw. Und dann auch ein wirkliche Handeln. Ein Blick, ein Satz, eine Geste. Wir — und unsere Leben — werden zum Ausdruck der Summe aller unserer Gedanken und Glaubenssätze. Erst dann wenn wir still werden, still sitzen, «yinnen», atmen, uns bewusst werden, kommen wir in Kontakt mit unseren «Mäusesippen».

So werde dir, wann immer du kannst, deiner Gedanken, deinem «inneren Dialog», bewusst. Sieh den kleinen «Mäusen» in deinen eigenen vier Wänden zu. Und beobachte, wer oder was die Mäuse füttert, und wie dies deine Gefühle und Handlungen beeinflusst. Und da wir aus unseren Gedanken die Wirklichkeit formen — nehme ich den Abschluss meines letzten Briefes an dich und schreibe … :-)

Wir sind am Anfang einer neuen Ära! Einer Ära mit mehr Bewusstheit, mehr Mitgefühl, mehr Sinn für Nachhaltigkeit, mehr Achtsamkeit, mehr Respekt vor allen Lebewesen und Lebensformen, mehr Demut, mehr Bescheidenheit, mehr Sein und mehr Stille …

Ich freue mich auf die Yoga-Stunden mit dir,
Bring gerne deine «Mäusefamilie» mit :-)

Alles Liebe,
Anne


*der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass auch viele höher entwickelte Tiere
zumindest einfache Formen des Denkens und der Selbsterkenntnis beherrschen.